ADHS Teil 2

J. fing an, Verlassensängste zu entwickeln, ausgelöst durch den Weggang ihres Vaters. Die äußerten sich insofern, dass, wenn ich sie morgens gebracht habe, sie mich nicht gehen lassen wollte und geweint hat ohne Ende. Im Kindergarten gibt es zwischen der Eingangstür und dem eigentlichen Eingang so eine Art Windfang, wo sie stand und stundenlang weinte und Angst hatte, dass ich nicht mehr wiederkomme. Zum Glück muss ich sagen, dass sie eine Erzieherin hatte, die sehr geduldig und sehr kompetent war und die teilweise mit J in diesem Windfang saß und versuchte, sie zu beruhigen. Auch zuhause äußerte sich dasselbe Bild. Ich konnte nicht mal mehr den Müll rausbringen ohne sie, weil sie immer dachte, dass ich nicht wieder komme.
So zogen sich die ersten Wochen im Kindergarten, ich hatte natürlich viele Gespräche mit der Erzieherin, in denen es darum ging, wie ich helfen kann, das besser zu machen, und ich muss sagen, es wurde etwas besser.
Etwas besser heißt, dass sie keine 3 Stunden mehr geweint hat, sondern nur noch 2.
Dann kam der November und ich wurde zu einem Elterngespräch eingeladen und die Erzieherinnen sagten mir, sie würden vermuten, dass mit J etwas nicht stimmt, weil sie sehr unruhig sei. Sie würde immer wirken wie *Auf Achse* und getrieben, des Weiteren würde sie stets sehr impulsiv handeln.
Das alles würde sich so äußern: Wenn sie am Morgen im Sitzkreis saßen, konnte J nicht ruhig sitzen bleiben. Sie musste sich immer bewegen, sei es mit den Beinen, mit den Füßen oder den Armen, oder sie stand auch mal auf und lief einfach herum. Sie handelte impulsiv (s.o.), indem sie mit einem anderen Kind spielte, und auf einmal zog sie das Kind an den Haaren und spielte dann weiter, als sei nichts geschehen. Wenn man sie darauf ansprach, weil sich das andere Kind natürlich beschwerte, wusste sie von nichts. Anfangs dachte man, sie sagt nur, dass sie von nichts weiß, aber es war wirklich so - sie selbst hat es nicht mitbekommen bzw. gleich wieder vergessen. Auch wurde sie zusehends gefahrenblinder.
Das zeigte sich zuhause wie auch im Kindergarten. Wenn ein Kind auf den Herd greift, weiß es, dass die Platte heiß ist und macht es nicht mehr. J konnte sich das nicht merken und griff immer wieder drauf.
Mit 3 Jahren wusste sie, dass Steckdosen gefährlich sind: Sie nahm trotzdem einen Schraubenzieher, puhlte damit die Kindersicherung raus und steckte den Schraubenzieher hinein, was uns dann schließlich 2 Tage Krankenhaus einbrachte, aber Gott sei Dank nichts passiert ist. Oder wenn sie wusste, dass oben auf dem Regal eine Schere liegt, hatte sie kein Problem damit, einen kleinen Tisch aufs Bett zu stellen und darauf wiederum einen Stuhl, um an diese Schere zu kommen.
Bei einem weiteren Gespräch im Kindergarten bestätigte mir auch die Erzieherin, dass J. sehr einfallsreich ist, wenn sie etwas möchte.
Die Erzieherin sagte weiter, dass J unbedingt zu einem Facharzt muss, da sie doch sehr verhaltens-auffällig sei. So wirklich geschockt hat es mich nicht, weil ich ja ahnte und nach diversen Gesprächen mit meinen Eltern auch schon daran gedacht hatte, dass etwas nicht in Ordnung ist. Mir wurde ein Arzt empfohlen, der ca. 20 km weit weg praktiziert. Da ich kein Auto hatte, waren Bus und Bahn angesagt. Ich besorgte mir einen Termin und fuhr hin, die einfache Fahrtzeit betrug 2 Stunden. Es handelt sich hierbei um einen Kinderpsychologen, der hier in unserer Gegend sehr anerkannt ist.
Dieser untersuchte sie, beobachtete sie und machte Tests. Er schlug eine heilpädagogische Behandlung vor, die einmal in der Woche in seiner Praxis stattfinden sollte; des Weiteren empfahl er Ergotherapie.
Das befolgten wir dann auch; allerdings kam J mit der Heilpädagogin nicht klar und wollte nicht mehr dahin, weil es ihr auch nicht gefallen hat, was diese mit ihr gemacht hat. Deswegen gingen wir dort nicht mehr hin. Zur Ergotherapie hingegen ging sie gerne.
Im Kindergarten wurden die Probleme indes immer gravierender. Ihre Verhaltensauffälligkeiten verschlimmerten sich, so dass man immer ein Auge auf die Kleine haben musste, weil sie durch ihren unersättlichen Antrieb dauernd unterwegs war. Man bemerkte auch, dass sie Probleme hat, Grenzen zu akzeptieren und einzuhalten. Die anderen Kinder fingen inzwischen an, sie zu meiden und wurden teilweise richtig gemein. Wenn z.B. in Ecke A etwas passierte, behaupteten die Kinder, es sei J gewesen, obwohl diese in Ecke B stand.
Dann kam Anfang November wieder ein Gespräch. Sie sagten, dass es nicht besser geworden ist und ich für J einen Integrationsplatz beantragen solle. Mit einem Integrationsplatz hatte J das Recht auf eine zusätzliche Erzieherin, die sich um sie kümmern würde. Diese Kraft kommt aber nur 15 Stunden in der Woche, das ist vom Gesetz so ausgelegt. Es gab in diesem Kindergarten aber bereits ein Kind mit Integrationsplatz, also würden die beiden sich die Kraft teilen müssen, was bedeutete, dass für jedes Kind nur noch 7,5 Stunden bleiben würden. Dies ist nicht viel für Kinder, die Hilfe brauchen.
In diesem Gespräch empfohlen die Erzieherinnen mir auch, eine Familienhilfe zu beantragen.
Das haute mich dann doch vom Stuhl, ich hatte sofort das Gefühl ->Jugendamt -> schlechte Mutter.
Ich hatte Angst, dass das Jugendamt mir mein Kind wegnehmen wolle und wehrte mich zunächst. Doch die Erzieherin nahm mir die Angst, beruhigte mich und sagte, dass sowas nicht passiert, und auch, dass ich keine schlechte Mutter bin. J bräuchte nun mal Hilfe, die ich ihr nicht geben kann, und ich solle mir doch mal überlegen, ob ich diese Hilfe nicht annehmen möchte, da es ihr doch das Leben erleichtern würde. Ich sagte, dass ich es mir überlegen wolle. Ein paar Tage später habe ich dann diesen Integrationsplatz und auch die Familienhilfe beantragt.
Aber es gab auch Positives zu berichten in diesem Gespräch und zwar, dass J motorisch sehr geschickt ist: Sie konnte bereits mit 3 Jahren einen Löwen auf der Linie ausschneiden, ohne sich zu verschneiden, zog sich alleine an und man merkte ihr auch an, dass sie doch sehr wissbegierig ist.
J weigerte sich inzwischen, weiter zur Heilpädagogin zu gehen. Wir brachen das Ganze nach Rücksprache mit dem Kindergarten ab, denn wenn die Kleine sich dort nicht wohl fühlte, würde sie auch keine Hilfe annehmen. Der Kindergarten sagte aber, dass wir uns dann andere Hilfe suchen müssten, weil einfach Unterstützung da sein müsste.
J trauerte zu der Zeit natürlich noch sehr ihrem Vater hinterher, der es ihr auch wirklich schwer machte. Er versprach ihr Freitag Abends am Telefon, sie am Wochenende abzuholen; er käme am nächsten Morgen. J stand mit gepackten Koffern mit mir unten vor dem Haus und wartete, und wartete, und wartete. Doch ihr Papa kam nicht und meldete sich auch nicht telefonisch. J war natürlich sehr enttäuscht und schrie, was das Zeug hält, dass sie zu ihrem Papa möchte. Die Geschichte ging über die nächsten Wochen immer so weiter, indem er versprach, zu kommen und dies nicht ein hielt. Einmal kam er dann doch und versprach ihr einen Zoobesuch. Da hat sie sich sehr gefreut. Er holte sie ab und …... er brachte sie zu seinen Eltern, die sie ja überhaupt nicht kannte und ging ließ sie dort alleine. Wieder einmal war sie sehr enttäuscht.

Das alles tat J und ihrem eh schon durcheinander gebrachten Leben nicht auch noch gut und das zeigte sich immer wieder im Kindergarten.
Dort sagten sie mir dann, dass es bei uns in der Nähe einen Kinderschutzbund gibt, der auch evtl. etwas in Sachen ihres Vaters unternehmen würde, wenn ich es denn wollte.
Inzwischen hatte ich einen Mann kennen gelernt, mit dem ich dann auch zusammen kahm. Allerdings passte das J überhaupt nicht, da sie wiederum Angst hatte, ich ginge von ihr weg und zu dem Mann.
Er bemühte sich sehr, ging sehr liebevoll mit J um, kümmerte sich um sie. Allerdings konnte J auch hier keine Grenzen erkennen und wusste nicht, wann z.B. beim Herumtoben Schluss ist.
Ich machte dann im Dezember einen Termin beim Kinderschutzbund aus, der allerdings erst im Januar stattfinden konnte.
So lange mussten wir warten. Ich war tagtäglich am Ende meiner Kräfte, schrie das Kind nur noch an und wusste nicht mehr, was ich tun soll. Sie verhielt sich weiterhin sehr kompliziert, wie sie es eben immer tat und das ging soweit, dass Verwandte teilweise schon sagten, wenn ich kommen wollte, „tut mir leid, lassen wir es lieber.“
Das schmerzte natürlich sehr, und tat meiner Verfassung nicht gut.
Da mein Freund 120 km weit entfernt wohnte, konnte er mir natürlich auch nicht viel helfen, da er nur am Wochenende da war.
Im Januar dann kam das Gespräch beim Kinderschutzbund.
Ich schilderte der Psychologin dort die Probleme, die J im Kindergarten hatte und mit ihrem Vater, der sich inzwischen gar nicht mehr meldete.
Die Frau meinte, ob ich denn wolle, dass er die Kleine sehen kann. Ich sagte, wenn er sich benimmt und ich ihm vertrauen könnte, dass er regelmäßig Kontakt zu ihr hat, hätte ich mit einer Aufsicht nichts dagegen. Die Dame beglückwünschte mich zu dieser Entscheidung und leitete dies auch in die Wege. Doch was für eine Überraschung: Er hatte gar kein Interesse!
Allerdings bot sie mir auch an, dass ich mit J zu einer Familien gestützen Therapie zu ihr kommen könne, was ich allerdings ablehnen musste, weil der Weg zu umständlich und ich 3 Stunden mit dem Bus (einfache Fahrt) unterwegs gewesen wäre.
Im Februar 2006 endlich kam dann die Bewilligung des Integrationsplatzes, durch den meine Hoffnungen wieder etwas stiegen. Mir hingegen ging es nach wie vor schlecht, ich war einfach total überfordert. Eine Mutter, oder Eltern im Allgemeinen geben so etwas nicht gerne zu, aber ich war es.
Eines Tages im Februar kam ich abends vom Einkaufen heim und eine Nachbarin sprach mich an, ob ich mein Kind schlage, weil sie mich immer hören würde, wenn ich die Kleine anschrie. Wohlgemerkt: die Dame wohnte auf der anderen Straßenseite.
Das hat mich noch deprimierter gemacht, ich sagte ihr natürlich, dass es nicht so ist und, dass J Probleme hätte. Erst war ich entsetzt, dass sie so was von mir denkt. Auf der anderen Seite aber passiert genug in Deutschland, wo die Nachbarn weg schauen und es dann zu spät ist. Von der Seite gesehen finde ich es gut.
Das war allerdings für mich der ausschlaggebende Grund für meine Entscheidung, mir Hilfe beim Jugendamt zu holen.
Diesen Antrag stellte ich im März 2006. Mir wurde aber gleich gesagt, dass dieser Antrag lange Zeit braucht, bis er von allen Stellen genehmigt ist.
In den nächsten Monaten tat sich nicht viel; außer, dass J endlich merkte, dass ich mittags immer wieder komme und sie abhole aus der Kita und somit aufhörte, morgens zu weinen (wohlgemerkt : nach 5 Monaten).
Die Kita empfahl mir dann im Frühsommer, dass ich doch mal eine Mutter-Kind-Kur beantragen solle, da ich auch Asthmatikerin bin und es mir und der Kleinen gut tun würde. Das hielt ich für eine sehr gute Idee und tat das dann auch gleich. Ende Sommer kam dann die Bewilligung, dass ich im November mit der Kleinen an die Nordsee, das sind von uns aus gute 500 km, zur Kur dürfe. Darauf haben wir beide uns sehr gefreut.
Anfang Herbst kam dann auch ein Schreiben vom Jugendamt, dass auch dieser Antrag bewilligt worden, und sie gerne zu einem Vorstellungsgespräch vorbeikommen würden, was dann auch im Oktober geschah. Zu diesem Gespräch erschienen die Amtsleiterin sowie die Mitarbeiterin, die unseren „Fall“ übernehmen würde. Die Mitarbeiterin, die da kam, war wirklich süß - eine kleine, ältere Frau am Stock. Sie war bestimmt schon 60 und sah eher wie eine kleine Omi aus. Wir verstanden uns recht gut und sie fand uns auch sympathisch, also entschieden wir uns, dass sie uns in Zukunft helfen würde.
Wenn wir uns jetzt nicht verstanden hätten, hätte sich jemand anderes vorgestellt, denn wenn keine Sympathie da ist, bringt das alles nichts, weil dann nicht geholfen werden kann. Wir entschieden uns, die Maßnahme nach unserer Kur zu beginnen.
Da es langsam auf den Kurbeginn zu ging, bekamen wir von der Krankenkasse ein Schreiben über unsere Anreisemöglichkeit. Da stand, dass sie nur die Kosten für einen Regionalexpress übernehmen würden. Ich bekam eine Panik, denn diese Fahrt würde über 8 Stunden dauern, und das mit einem hyperaktiven Kind? Davor graute es mir. Also rief ich bei der Krankenkasse an, schilderte denen das Problem, faxte Berichte hin und sie erlaubten uns dann letztendlich, dass wir mit dem ICE fahren durften. Das war doch eine sehr große Erleichterung für uns beide.
Dann fuhren wir in die Kur, und da J und ich noch nie im Urlaub waren, war es das Schönste zu der Zeit für uns, was es gab. Als wir ankamen, sahen wir, dass unser Kurheim direkt an der Nordsee war, nur durch einen Deich getrennt – ein weiterer Pluspunkt! J kam dort in den Kindergarten, während ich meine Anwendungen erhielt. Auch dort fiel ihr Verhalten sehr schnell auf und sie boten mir an, J in die Psychomotorik-Gruppe aufzunehmen und ihr noch weitere Behandlungen zu geben, was allerdings auch erst mit der Kasse abgesprochen werden musste. Sehr schnell, nur einen Tag später, war die Erlaubnis der Krankenkasse da und J bekam ihre Behandlungen, was ihr sehr, sehr gut tat. Ich bekam unter anderem auch psychologische Unterstützung, wodurch mir geholfen wurde, besser mit der Kleinen klar zu kommen und nicht nur das Negative zu sehen, sondern eben auch das Positive an ihr: z.B. was sie alles kann, wie liebevoll und hilfsbereit ist.
2 Tage vor Weihnachten war die Kur zu Ende und wir fuhren wieder nach Hause. Ich kann im Nachhinein sagen, dass uns die drei Wochen sehr gut getan haben.
Ab Januar 2007 kam dann die Familienhilfe 2 mal 2 Stunden in der Woche. Sie war dazu da, um mir einfach eine Unterstützung zu sein, mir zu zeigen, wie ich mich verhalten muss, wie ich Streitereien schon im Keim ersticken kann, ohne dass es in Schreierei ausartet. Auch empfahl sie mir, Zettel zu schreiben für die Nachbarn, auf denen stand, dass die Kleine krank ist und ich auf deren Einsehen hoffe.
J hatte, wie Anfangs schon beschrieben, immer noch Probleme mit dem Schlafen. Frau T. half mir, das etwas besser in den Griff zu bekommen, indem wir ganz feste Rituale für abends einführten. Und siehe da, nach ein paar Wochen tat sich da wirklich Besserung. Eines Abends war ich sehr überrascht, als sie ohne Theater ins Bett ging und auch drinnen blieb.
Sie half mir wirklich sehr und ich bin für diese Frau im Nachhinein sehr dankbar, denn ohne sie wäre ich nicht da, wo ich heute bin. Sie war einfach für mich da. Sie passte auf die Kleine auf, dass ich mal alleine einkaufen gehen konnte, was auch sehr entspannend war, da entspanntes Einkaufen mit J schlichtweg unmöglich war.
So gingen die Monate vorbei und die Hilfe lief, auch im Kindergarten.
Im Sommer dann stand endlich die Scheidung vor der Tür. Ich habe mit der Scheidung das alleinige Sorgerecht beantragt, weil J inzwischen überhaupt keinen Kontakt mehr mit ihrem Vater hatte und er auch nicht erreichbar war, wenn etwas zu entscheiden war, wo ich seine Zustimmung gebraucht hätte. Das alleinige Sorgerecht bekam ich dann auch – zu meiner großen Erleichterung!
Meinen Freund gab es auch noch, der sich aber inzwischen sehr zurückzog, weil auch er total überfordert war. Wir entschieden uns dann aber trotzdem Ende August, alle zusammen nach Disneyland in Frankreich zu fahren. Da fuhren wir dann auch im September hin, für 4 Tage.
Disneyland war wunderschön, allerdings für uns grenzte es fast an Selbstmord. J war diese 4 Tage noch aktiver als sonst. Selbst als wir 8 Stunden im Park herumgelaufen waren, konnte sie abends nicht schlafen.
Mein Freund und ich haben uns nur noch gestritten. Wir hatten eigentlich sowieso keine Zeit mehr für uns, weil, auch wenn er nur am Wochenende bei uns war, ich nur für die Kleine da sein musste.
Der Kindergarten empfahl mir in einem weiteren Gespräch, dass ich doch mal mit ihr ein kinderpsychologisches Zentrum aufsuchen solle, das sich bei uns in der Nähe befindet. Eigentlich ist es eine Psychologische Stadt, da dieser Komplex so riesig ist, dass er seine eigene Postleitzahl hat.
Das taten wir dann auch. Nach einigen Gesprächen und Tests bei der dortigen Heilpädagogin sagten sie, dass J zu einer genauen Diagnostik zu ihnen kommen solle. Das würde heißen, sie hätte 6 Wochen Aufenthalt dort und ich würde sie nur am Wochenende sehen.
Die Diagnostik würde dafür da sein, dass wir genau wissen, was ihr fehlt. Inzwischen wussten wir ja, von diesem Arzt, dass sie ADHS hat, ein Trauma wegen ihres Vaters und Defizite in ihrem Verhalten, die, so wie es festgestellt wurde, davon kommen, dass ich mich früher nicht um sie kümmern durfte, wenn sie mich brauchte. Ich erwiderte, dass ich das nicht machen könne, ich könne ein 4 jähriges Mädchen nicht weggeben, das würde mir das Herz brechen. Außerdem hatte ich sehr große Angst, dass ihre Verlassensängste wieder kommen. Alle akzeptierten meine Entscheidung.
Ende Januar 2008 passierte es dann, dass ich mich in einen Mann verliebte, den ich bereits seit einigen Jahren als Freund kannte, und er auch in mich. Allerdings wohnte er 500 km weit weg. Bei ihm fühlte ich mich jedoch verstanden, weil er auch einen Sohn hat, der das gleiche Problem wie J hat.
Ich trennte mich von meinem damaligen Freund und kam mit dem neuen Mann zusammen. Allerdings gab es hier ein Problem: er war noch verheiratet und seine Frau wohnte auch noch bei ihm. Also kam er zu mir gefahren. J kam auch sehr gut mit ihm klar. Es war eigentlich alles toll.
Es funktionierte einfach. Ich blühte auf, durch ihn, durch die Familienhilfe, die inzwischen 4-mal die Woche kam. Naja, er und ich beschlossen dann, dass ich doch zu ihm ziehen könne.
Nach einigem Überlegen empfand ich das als gute Idee. Ich erkundigte mich, wie es aussieht mit Hilfen dort in Bayern, und die waren sehr, sehr groß. Also entschieden wir uns für den Umzug dorthin. Wir mussten nur noch warten, bis seine Noch-Frau eine Wohnung gefunden hatte und dann könne ich kommen. Die Monate vergingen, ohne das sich was tat, weil sie keine Wohnung fand.
Dann hieß es „ab Juli ist sie weg“ und wir können dann zu ihm ziehen. J freute sich ungemein und ich auch. Ich meldete sie vom Kindergarten ab und kündigte alle meine Sachen bis auf die Wohnung (Gott sei Dank). Dann war es Ende Juni und ich hatte schon sämtliche Kisten hier stehen, J hatte ihren letzten Kindergartentag, als ich abends ein Telefongespräch mit meinem Freund hatte. Er sagte, dass er es nochmal mit seiner Frau versuchen möchte.
Wieder brach eine Welt für mich zusammen. Ich kann nicht mehr wiedergeben, wie ich mich fühlte. Ich empfand, glaube ich, überhaupt nichts mehr.
Das Leben musste aber weitergehen; auch und besonders deshalb, weil J diese Geschichte natürlich überhaupt nicht gut verkraftete und sehr darunter litt.
Ich rief beim Kindergarten n und fragte ob sie ihren Platz wieder haben könne. Doch dieser Platz war schon weg! So blieb mir nur, sie neu anzumelden und zu hoffen, dass bald ein neuer Platz frei wird.
Das passierte dann im November. Bis dahin war J bei mir zuhause; was, auch wenn es sich hart anhört, die Hölle auf Erden war: Sobald die Strukturen und Regelungen aus der Kita wegfielen, drehte sie wieder durch, wurde wieder aggressiv, hatte die üblichen Probleme und es wurde immer schlimmer.
Ich merkte bald, dass es so nicht mehr weiter gehen kann und dass sie jetzt dringend Hilfe braucht. Also sprach ich wieder im Kindergarten vor und J ehemalige Erzieherin sagte mir, dass bei uns an der Uni-Klinik in Frankfurt die Möglichkeit der Diagnostik wie in Riedstadt gegeben sei, hier würde das aber ambulant geschehen.
Weil sich das für mich sehr gut anhörte, machte ich dort einen Termin aus. Der Termin fand im Oktober 2008 statt, die Familienhelferin vom Jugendamt kam dann auch mit
Sie erzählten uns dort, dass sie Untersuchungen mit der Kleinen machen würden, die aus Tests der Konzentration, der Motorik und einem Intelligenztest bestehen würden.
Diese Tests dauerten über 4 Stunden; ich war nicht dabei. Das Ergebnis war, dass sie sich nicht konzentrieren kann, was ich ja bereits wusste und dass alles, wobei sie ihr Hirn belasten muss, sie überfordert. Sprach man ihr z.B. einen Satz vor, den sie nachsprechen sollte, so konnte sie dies nicht ausführen, weil sie sich den Satz nicht merken konnte.
Der Intelligenztest fiel in einigen Sparten eher schlecht aus, was allerdings auch an der Konzentrationsfähigkeit lag.
Sie entschieden sich nach Abschluss der Tests, der Kleinen Medikamente zu geben, die ihr helfen sollten, ihre Konzentrationsfähigkeit zu steigern. Bei den meisten ist es unter Ritalin bekannt (ein Betäubungsmittel, welches auf das Gehirn einwirkt).
Mir wurde es so erklärt: ADHS ist eine Krankheit, in der ein Botenstoff die Eindrücke, die das Gehirn erhält, nicht weiter transportieren kann. Vereinfacht gesagt, man stelle sich einen Garten vor.

In diesem Garten wächst Unkraut, man muss das Unkraut beseitigen, damit die schönen Blumen wachsen können.
Bei ihr im Kopf ist es so, dass sie die Eindrücke, die auf sie hereinbrechen, nicht verarbeiten kann. Gesunde Menschen sehen im Augenwinkel zwar einen Vogel vorbeifliegen, gehen aber nicht weiter darauf ein, weil es unwichtig ist. J kann das aber nicht, für sie ist der Vogel im Augenwinkel genauso wichtig wie alles andere in diesem Moment auch. Sie kann das Unwichtige nicht vom momentan Wichtigen trennen. So ist ihr Kopf einfach überlastet und daher kommt die Hyperaktivität.
Sie selber hat einmal gesagt, sie habe das Gefühl, in ihrem Kopf werden 10 Telefongespräche auf einmal geführt. Wie soll man sich da auf eins konzentrieren?
Die Medikamente sollten also dafür sorgen, dass in ihrem Kopf sozusagen „das Unkraut“ vernichtet wird.
Die Ärzte gaben mir also ein Rezept und wir konnten wieder heimgehen. Dies regte jedoch die dortige Helferin auf, die sagte, dass seien derart starke Medikamente, die nur unter ärztlicher Aufsicht verabreicht werden sollten. Lt. Ärzten sollte ich ihr hingegen 2 Wochen lang die Tabletten geben und mich dann dort melden, um zu berichten, was sich getan hat.
Ich gab ihr eine Tablette am nächsten Tag, aber nichts passierte. Am zweiten Tag dasselbe, also rief ich in der Klinik an und bekam gesagt, ich solle ihr 2 Tabletten geben, was ich auch tat. Erst passierte nichts; sie rannte wie immer durch die Wohnung, rannte in ihr Zimmer und… kam nicht mehr heraus.
Ich ging nachsehen, da stand sie da und fragte: „Wie sieht es denn hier aus?“ Und fing an, ihr Zimmer aufzuräumen, rannte nicht mehr durch die Wohnung, war ruhig und umgänglich. Es war fast zu schön, um wahr zu sein.
Die Quittung bekam ich dann am Abend. Sie war hellwach, konnte nicht schlafen und nichts mehr essen.
Wenn ich ihr morgens die Tabletten gab, hat sie weder gefrühstückt noch Mittag gegessen. Auch zum Abendessen hatte sie kein Hunger, selbst ihre geliebten Süßigkeiten hat sie weggeschoben. Abends ab 21 Uhr fing sie an, nach etwas zu Essen zu fragen, hat aber dann höchstens ein Brot gegessen. Und an Schlaf war gar nicht mehr zu denken.
Die Tabletten sollten den ganzen Tag wirken und die Hyperaktivität wegnehmen, die Wirkung hörte allerdings schon mittags auf. Das und dass J nichts mehr gegessen hat, veranlasste mich schon nach 4 Tagen, in der Klinik anzurufen, wo mir gesagt wurde, das sich das alles einspielen müsse. Und weil die Tabletten mittags schon aufhörten zu wirken, habe ich noch ein Rezept bekommen für nachmittags. Hier muss ich aber sagen, dass ich ihr die nicht auch noch gab, weil ich sie ja nicht ruhig stellen wollte. Für den Kindergarten und die Gruppe war es ja noch okay, aber nicht für zuhause, da brauchte ich das nicht.
Nach ca. 4 Wochen schien es sich einzupendeln: sie hat wieder geschlafen, gegessen allerdings immer noch nicht. Inzwischen hatte sie 12 Kg abgenommen, wobei meine Tochter nie dick war: Sie wog jetzt aber nur noch 18 Kg mit 6 Jahren und 1,22m Größe.
Allerdings konnte man mit ihr in dieser Zeit sehr gut arbeiten: Das fiel sowohl mir als auch dem Kindergarten, der Familienhelferin und der Verwandtschaft auf.

2 Wochen später wirkten die Tabletten dann auf einmal nicht mehr. Ich rief wieder in der Klinik an, wo man mir sagte, dass sie an die Akte nicht rankommen, weil die Psychologin im Urlaub und die Akte bei ihr im Büro eingeschlossen sei…toll! Die Dame sei noch 3 Wochen weg……
Es war inzwischen Anfang Februar 2009 und die Psychologin war wieder aus dem Urlaub zurück. Ich rief sie an, weil J sich inzwischen wieder genauso auffällig verhielt wie sonst auch immer.
Ich bekam die Dame ans Telefon, schilderte ihr unsere Probleme und bekam zur Antwort, dass der Arzt jetzt im Urlaub sei und erst in 2 Wochen wiederkäme (als würde es in einer Uniklinik nur einen Arzt geben). Ich hatte so langsam die Nase voll, weil ich mich total abgeschoben fühlte. Inzwischen hatte ich schon gar keine Tabletten mehr für J; sie wirkten außerdem eh nicht.
Nach den 2 Wochen Arzturlaub rief ich wieder an; da wurde mir gesagt, dass sie mit ihm redet und mich dann zurückruft. Ich wartete und wartete und wartete, und ich würde heute noch warten.
Im Sommer dieses Jahres sollte J. eingeschult werden - sie war inzwischen fast 7.
Natürlich hatten wir alle große Bedenken, ob sie die „normale“ Schule mit ihrer Krankheit schafft, davon war eigentlich keiner der „Beobachter“ - weder ich, noch die Großeltern, das Jugendamt, die Familienhilfe, der Kindergarten usw. überzeugt.
Bei uns ist es üblich, sogenannte „Schultage“ zu veranstalten, wo die Kinder 2 Tage die Schule zur Probe besuchen, wo sie von Lehrer/innen und „neutralen“ KiGa-Erzieherinnen beobachtet werden, die nichts von den Kids wissen und die danach entscheiden, ob das Kind für die erste Klasse geeignet ist oder besser die Vorschule besuchen sollte.
Nach dem ersten Tag dieser zwei Tage bekam ich nachmittags einen Anruf, dass ich sie am nächsten Tag möglichst zuhause lassen solle. Sie alle hätten genug gesehen, und es sei nicht möglich, die anderen Kinder zu beobachten, weil meine J alles so durcheinander bringe. Für J war das natürlich auch wieder eine bittere Enttäuschung – sie rief ihre Omi an und ihr erster Satz war: „Omi, heute bin ich aus der Schule geflogen!“ Sie entschuldigte sich wieder und wieder – bei der Omi, beim Opa und bei mir. Wir sagten ihr alle, dass es nicht ihre Schuld sei – sie sei eben ein besonderes Kind, das in eine besondere Schule gehört.
Okay, blieb sie also am nächsten Tag daheim. Wir machten uns dann Gedanken, was wir tun können. Der Kindergarten sagte, dass es die Möglichkeit gibt, auch für die Schule eine Integrationskraft zu beantragen. Die wäre dann auch ein paar Stunden die Woche da, würde dann neben ihr sitzen und sowas sagen wie, hör zu was die Lehrerin sagt, oder auch auf dem Schulhof aufpassen, dass sie nicht wegläuft, denn die Gefahr war bei ihr gegeben. Also habe ich das beantragt.
Dann, keine Woche später, kam ein Brief vom Schulamt.
Um unseren Antrag zu bewilligen, brauchten sie vorher eine stationäre Diagnostik (das, was ich vorhin schon schrieb - in eben dem Psychologischen Zentrum). Ich bekam sofort Angstzustände, wendete mich an den Kindergarten und sah dann aber ein, dass wenn es sein muss, ich es eben tun würde.
Ich machte also einen Termin in dieser Klinik aus. Da es schon Mai war und im August dann die Schule losgehen würde, hatten wir etwas Zeitdruck. Ich einigte mich dann mit dem Arzt dort, dass sie auf beide Wartelisten kommt, auf die Liste für die stationäre und auf die für die Tagesgruppe. Da wäre sie dann abends wieder zuhause.
Mitte Juli klingelte dann das Telefon, dass sie in die Tagesgruppe kann, und zwar schon sehr kurzfristig, einen Tag später.
Ich habe sofort zusammen mit der Klinik und der Krankenkasse einen Taxidienst organisiert, der sie und mich morgens dahin fährt.
Also ging es los. Sie sagten mir schon, dass sie dort sehr streng sind, weil die Kinder mit ADHS sehr enge Strukturen brauchen. Ich konnte mir nicht wirklich viel darunter vorstellen.
Doch es ist so: Es gibt dort keine Vorwarnungen, eine Strafe für ein Missverhalten fällt sofort an. Bei jeder Kleinigkeit, die außerhalb des Rahmens fällt, bekommen die Kids eine Strafe, meist müssen sie 5 Minuten an einem Tisch sitzen. Wenn sie vorher aufstehen, fangen die 5 Minuten wieder von vorne an.
Das ging 2 Wochen so, dann hatte ich meinen ersten Gesprächstermin dort. Man sagte mir, dass sie schon sehr lange kein so schlimmes Kind mehr hatten und ich unbedingt daran arbeiten muss, ihr mehr Strukturen zu geben. Dass ich also zuhause so wie sie in der Klinik reagieren und ihr ohne Vorwarnung eine Strafe geben soll. Und das schon bei Kleinigkeiten wie z.B. einer vergessenen Klospülung.
Das tat ich dann auch. Und ich muss wirklich sagen: zusammen mit den Strukturen aus der Tagesklinik hat es meiner Tochter sehr geholfen. Innerhalb kürzester Zeit hielt sie sich an die Regeln sowohl in der Klinik als auch zuhause. Es gibt natürlich immer noch Aussetzer, aber es hat sich was getan.
Ihr gefiel es in der Klinik sehr, sehr gut. Sie hatte Spaß und merkte auch selbst, dass es ihr besser geht. Sie hatte dort auch Termine bei Psychologen. Zu dem sagt sie mal, dass sie nicht mehr krank sein und ein liebes Kind sein möchte. Damit meinte sie eben, dass sie aufhören möchte, die anderen Kids zu ärgern, was aber nicht funktioniert, weil sie immer noch diese Impulsivität hat.
Es kam dann der August, sie war immer noch in dieser Tagesklinik und wurde dort dann auch eingeschult.
Mehr dazu im 3. Teil. - ist in arbeit..