ADHS Teil 3

Es ist jetzt Mitte August und J wird eingeschult, es ist für sie ein ganz besonderer Tag, weil sie heute auch Geburtstag hat. Daher ist sie doppelt aufgeregt. J wird auch in der Tagesklinik eingeschult,
es ist eine besondere Schule für Kinder, die Schwierigkeiten haben. Bei ihr sind in der ersten Klasse
2 Lehrer und nur 4 Schüler, was wirklich gut für sie ist, weil sie da die Hilfe und Zeit bekommt, die sie braucht.
Sie hat viel Spaß in der Schule, ist fleißig am Lernen und versteht sehr schnell. Doch nach einer Woche Schule hatte ich ein Elterngespräch und da wurde mir von der Lehrerin gesagt, dass J sehr leicht ablenkbar ist und man sehr auf sie einwirken muss, damit sie dem Unterricht aufmerksam folgen kann. Ansonsten hat sich am Allgemeinbefinden von ihr nicht viel verändert.
Vor 2 Wochen, Ende September, war J etwas mehr als 2 Monate in der Klinik und es war Zeit für das Abschlussgespräch bzw. für das Gespräch, worauf wir hingearbeitet haben, um festzustellen, was für Hilfe J braucht, welche Schule, welche Therapien usw. Es waren der Psychologe und eine Ärztin der Klinik dabei.
Ich nahm meinen Vater zur Unterstützung mit, weil ich nicht alleine vor diese ganzen Menschen treten wollte, da ich immer noch das Gefühl hatte, mich verteidigen zu müssen.
Erst wurde mir ein ewig langer Bericht vorgelesen, wie deren Eindrücke waren. Bei einigen Punkten ging ich teilweise an die Decke, weil ich mein Kind kenne und weiß wie sie ist, und was sie nur spielt, das habe ich dann auch gleich klargestellt. Ich habe auch, Gott sei Dank, meine ehemalige Familienhelferin dorthin mitgenommen. Sie kommt inzwischen nicht mehr in die Familie, weil J ja in dieser Tagesklinik ist. Die Frau konnte auch einiges klar stellen; z.B. meinten die Betreuer der Klinik, dass ich im Umgang mit meiner Tochter unsicher wäre, was wirklich nicht so ist. Da hat sie mir wieder mal sehr geholfen und das aus ihrer Sicht richtig gestellt.
Das schlimme Ende vom Lied war, dass sie eine Empfehlung herausgegeben haben, die besagt, dass J in eine Wochengruppe soll….
In diesem Moment wusste ich nicht mehr, wo vorne und hinten ist: War ich im falschen Film? Diese Ausblendung der Wirklichkeit und die Gedankengänge: Was habe ich falsch gemacht? War oder bin ich eine schlechte Mutter? Es konnte doch nicht sein, dass der Eindruck entstanden war, mein Kind, für das ich Jahrelang alles getan habe, was in meiner Kraft steht, sei auf einmal bei Fremden besser aufgehoben?
Habe ich doch nicht alles getan? Ich bekam große Zweifel an mir selbst und an dem, was ich getan habe. Ich ging jede Entscheidung durch und suchte den Fehler.
Doch heute weiß ich, es gab keinen.
Ich versuchte, meine Gefühle zu unterdrücken, um nicht vor sämtlichen „Spezialisten“ in Tränen aufgelöst dazusitzen.
Sie sagten mir, dass ich das Sorgerecht habe und das entscheiden müsse; doch sollte ich daran denken, dass hier eine Empfehlung von Menschen vorliegt, die sich mit dem Krankheitsbild auskennen.

Ich dachte für mich nur, dass mir das nicht wirklich hilft. Sie fragten mich, ob ich meine Meinung ändern würde, wenn ich mir die empfohlene Einrichtung mal ansehen könnte. Ich sagte direkt „Nein“, weil ich die unglaubliche Angst hatte, dass J wieder ihre Verlassensängste entwickeln könnte. Aber sie meinten, ich solle es mir in Ruhe überlegen und dann Bescheid geben beim Jugendamt.
Am Abend redete ich mit meinen Eltern über das Thema. Mein Vater sah es genauso wie ich: Wir sollten die Kleine nicht weggeben, weil wir eine große Familie sind und nicht möchten, dass sie außerhalb des Familienverbundes aufwächst. Was mir dann auch wieder in den Sinn kam, war der Zeitraum, den sie mir bei dem Gespräch nannten: 1-2 Jahre Wochengruppe!
An den folgenden Tagen ging meine Kleine weiter in die Tagesklinik. Eines Abends kam sie heim und verhielt sich so anders als sonst und war mir gegenüber so abweisend, dass ich mich mit ihr zusammensetzte und sie fragte, was los sei. Sie sagte: „Mama, warum gibst du mich weg? Hast du mich nicht mehr lieb?“
Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie weh sowas tut. Ich nahm sie fest in den Arm und sagte ihr, dass es nicht so ist, dass ich immer für sie da sein werde. J und ich waren in allen Höhen und Tiefen, egal was war, immer das „Super-Team“. Das sagte ich ihr, wenn es ihr nicht gut ging, oder sie mir, wenn es mir nicht gut ging. Ich erklärte ihr dann Kind gerecht die ganze Sache, damit sie verstand, worum es geht. Wenn sie dahin geht, es nur darum geht, ihr bei ihrer Krankheit zu helfen, ich aber noch nichts entschieden habe.
Nach ein paar Tagen rief das Jugendamt an und Frau W. sagte, dass sie einen Besichtigungstermin mit diesem Internat (das ist meine Wortwahl, weil ich nicht möchte, dass J in der Gegend rumläuft und den Menschen erzählt, dass sie in eine Wochengruppe muss) habe.
Das Jugendamt sagte zu mir, dass ich mir alle Fragen aufschreiben soll, die ich habe. Das tat ich dann auch, denn dieser Termin war schon 2 Tage später.
Dieses Internat ist nicht weit von uns zuhause weg, also auch mit der Bahn gut zu erreichen.
Frau W. vom Jugendamt war auch dabei, um mich (oder die?) zu unterstützen. Erst einmal erzählte mir die Dame von diesem Internat alles Wissenswerte. J war auch dabei, musste allerdings draußen warten. Ich erzählte ihr von meinen Ängsten, dass J wieder diese Verlassensängste habe, dass sie sich von mir entfremdet, wenn sie von Sonntagabend bis Freitagabend dort ist. Die Dame sagte, dass sie auf keinen Fall die Eltern, oder in unserem Fall, die Mutter ersetzen wollen und auch nicht können.
Sie nahm sich viel Zeit für mich. Ich habe alle Fragen gestellt: wie z.B.:
Darf ich mit ihr Telefonieren?
Was ist, wenn sie krank ist?
Was ist, wenn sie schlecht träumt?
Was ist, wenn sie einfach in Situationen kommt, wo sie ihre Mama braucht?
Wie ist das mit dem Ritual, wenn sie abends ins Bett geht?
Dazu muss ich sagen, dass J sehr lange unter Alpträumen litt. So fing ich irgendwann an, ihr zum Schlafen Mama-Träume zu geben; ich griff dann einfach an meine Augen und übergab ihr meine Träume.
Das kann keiner in einem Internat machen.

Die Antworten waren folgende:
Ich darf alle zwei Tage anrufen und mit ihr telefonieren. Einmal die Woche soll/muss ich vorbeikommen, um mit der Elternarbeit fort zu fahren, damit ich lerne, wie ich am besten mit der Krankheit umgehe; wie ich lerne, ihr diese Strukturen, weswegen sie in die Wochengruppe muss, beizubringen oder zuhause fortsetze.
Wenn sie schlecht träumt, ist jemand da, der sich um sie kümmert.
Und mit Mamas Träumen haben wir auch eine Lösung gefunden - dazu komme ich später.
Es ist also so, dass J dort ihr eigenes Zimmer hat, dass sie sich einrichten kann, wie sie es möchte, mit Postern, Kuscheltieren etc. Sie darf ihre Spielsachen von zuhause mitnehmen, die sie mag, ihren Roller, den sie über alles liebt, ihre Bettwäsche – alles, was sie gerne möchte.
Sie darf sogar ihr Zimmer so umräumen, wie es ihr beliebt.
Sie geht Vormittags in die Schule, die nur ein paar Schritte vom Internat entfernt liegt und hat dann nachmittags verschiedene Therapien oder AGs, z.B. Tanzen, Trommeln, Turnen, was sie möchte.
Sie kommt an 3 Freitag Nachmittagen nach Hause und Sonntag abends muss ich sie wieder hinbringen. Am 4. Wochenende unternehmen sie gemeinsam etwas mit der Gruppe; meist einen Ausflug in einen Freizeitpark, gehen schwimmen, solche Sachen. In den Ferien ist sie auch zuhause, außer in den ersten beiden Wochen der Sommerferien, wo sie gemeinsam in den Urlaub fahren. In den Weihnachtsferien fahren sie über ein verlängertes Wochenende zum Skifahren.
Das geschieht, um die Gruppenzugehörigkeit zu stärken.
Nachdem mir das alles gesagt wurde, durfte ich mir die Station ansehen. Ich muss sagen, es war alles sehr freundlich und bunt, so wie Kinder es eben mögen. Da J dabei war, konnte sie sich auch direkt alles ansehen.
Die Leiterin des Internats sagte mir, dass sie einen Platz frei haben, den J sofort bekommen könnte. Ich fühlte mich wieder einmal unter Druck gesetzt. Als wir zuhause waren, sagte die Dame vom Amt, dass ich es mir überlegen und ihr dann Bescheid geben soll.
Ich redete wieder mit meinen Eltern und erklärte ihnen alles, worauf sie meinten, dass es sich ganz gut anhört, was übrigens inzwischen auch meine Meinung war.
Abends dann redete ich mit J und erklärte ihr nochmal Kind gerecht, was das war, wo wir waren, was es bedeutet etc.
Zu meiner Überraschung sagte J, dass es ihr dort gefallen hat und sie es machen würde, wenn es ihr denn hilft. Mein Gott, dieses Kind ist 7 Jahre alt! Manchmal hat sie mehr Verstand als ich.
Ich sagte dann letztendlich zu und wir einigten uns darauf, dass J in der letzten Woche der Herbstferien dort hin kommt, um sich in Ruhe eingewöhnen zu können.
Die Tage telefonierte ich nochmal mit der Leiterin des Internats und fragte sie nach Einzelheiten (was J braucht, was sie mitnehmen soll an Kleidern, Waschzeug etc. und bekam alle Einzelheiten, die ich brauchte, mitgeteilt.
J freut sich komischerweise auf das Internat, obwohl ich nicht glaube, dass sie weiß, was auf sie zu kommt. Es ist ab heute nur noch eine Woche (Mitte Oktober), wir waren heute einkaufen und haben alles gekauft, was sie brauchte.

Ein klein wenig schmunzeln muss ich jetzt, denn wir haben – glaube ich – DIE Lösung für die Träume gefunden und dafür, wenn sie mal Bussis von ihrer Mama braucht. Wir haben ein kleines Kästchen gekauft, da werden ein Haufen“ Mama-Träume“ hineingefüllt, die sie sich dann abends rausholen kann. Und die Bussis? Wie kann man einem Kind Bussis geben, das 20 km entfernt ist? Ganz einfach, noch ein Kästchen, Toilettenpapier oder Tempo und ein Lippenstift.
Wir haben jetzt abgemacht, dass ich ihr auf Toilettenpapierblätter Bussis draufgebe, Lippen mit Lippenstift bemale und dann immer einen Kussmund auf ein Toilettenpapierblatt drücke. Die kommen dann in ein „Kuss-Kästchen“ und immer, wenn sie einen Kuss braucht, holt sie sich ein Blatt heraus. Ich finde, dass ist eine schöne Lösung für sie und mich?.
Fast ist es nun soweit und wie es mir geht, kann ich gar nicht so wirklich sagen. Ich glaube, ich verdränge das alles momentan ganz gut. Aber ich werde auch das schaffen - genauso wie J – denn, wie gesagt, wir sind das „Super-Team“!
Ob die Entscheidung, sie in dieses Internat zu geben richtig ist, weiß ich nicht, doch habe ich meiner Tochter einen Brief geschrieben, in dem meine Gründe zu dieser Entscheidung zu gelangen, stehen. Diesen Brief werde ich ihr in einigen Jahren geben, wenn sie vielleicht 12/13 oder 14 ist. Ich hoffe nicht, dass diese Entscheidung falsch war.
Wie es in Zukunft weitergeht, was noch passiert, welche Entscheidungen ich treffen muss, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass ich weiterhin sehr viel Kraft haben muss und werde, um meiner Tochter ein schönes Leben zu ermöglichen. Nur aus diesem Grund mache ich das, damit es ihr später hoffentlich gut geht und sie ein annähernd normales Leben führen kann.
Das war der Bericht über die bisherigen Dinge, die wir erlebt haben. Ihr habt einen Einblick in 7 Jahre unseres Lebens bekommen. Trotz aller Schwierigkeiten hatten und haben wir auch sehr schöne Zeiten.
Den Menschen, den Eltern, den Angehörigen, die das lesen und in einer ähnlichen Situation stecken, möchte ich Eins ans Herz legen: Gebt niemals auf – niemals! Tut, was ihr könnt, für eure Kinder; auch wenn ihr glaubt, ihr habt keine Kraft mehr. Glaubt mir, ihr werdet die Kraft immer wieder haben. Auch das Jugendamt ist alles andere als schlecht, traut euch, holt euch Hilfe, wenn ihr nicht mehr weiter wisst. Holt sie euch, bevor ihr am Ende seid, und nichts mehr geht.
Es gibt ein paar Wörter dir mir sehr oft geholfen haben. Die möchte ich euch nicht vorenthalten:
Oft steht ihr da und denkt, es geht nicht mehr. Jeder Schritt, den ihr geht, fühlt sich umsonst an. Man hört auf zu glauben, aber versucht es bitte weiter, haltet weiter den Kopf hoch; egal wie schwer es ist.
Es gibt immer einen Berg auf eurem Weg und ihr wisst nicht, was dahinter liegt, was euch erwartet. Eure Anstrengungen, eure Kämpfe scheinen auch schon mal verloren, wie bei mir jetzt momentan, aber ihr wisst nicht, was auf der anderen Seite des Berges ist. Manchmal seid ihr niedergeschlagen, doch ihr werdet die Kraft haben, weiter zu machen. Dies sind die Zeiten, an die ihr euch erinnern werdet; die Zeiten, die besonders schwer waren, doch in vielen Jahren werdet ihr zurück sehen und darüber nachdenken, was ihr durchgemacht, was ihr geschafft habt, und ihr werdet stolz auf euch und auf eure Kinder sein. Macht weiter, besteigt weiter diesen Berg – auch wenn er noch so schwer zu besteigen ist, ist die Aussicht oben doch eine Menge wert.
Ich wünsche allen Eltern, Familienangehörigen und Kindern, die in solch einer oder einer ähnlichen Situation sind, das Allerbeste, ganz viel Kraft und ich denke und glaube an euch.
Kinder sind das Beste, was es auf der Welt gibt.
Ich bin auch gerne bereit, mit euch Kontakt aufzunehmen: Wenn ihr das möchtet, dann meldet euch einfach über die Kontaktmöglichkeit auf dieser Seite und ich werde mich dann bei euch melden.
Wann es mit dem nächsten Teil weitergeht, weiß ich nicht.
Denn ich muss jetzt erst mal einen Berg besteigen.
Liebe Grüße, Sam